Man müsste wenigstens täglich

Ein gutes Gedicht lesen,

Ein schönes Gemälde sehen,

Ein sanftes Lied hören

Oder ein herzliches Wort mit Freunden reden,

Um auch den schöneren, den menschlicheren Teil

Unseres Wesens zu bilden.



                                                   Heinrich von Kleist




Schlechte Zeit für Lyrik



Ich weiß doch: nur der Glückliche ist beliebt.

Seine Stimme hört man gern.

Sein Gesicht ist schön.


Der verkrüppelte Baum im Hof zeigt auf schlechten Boden,

aber die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel.

Doch mit Recht.


Die grünen Boote und die lustigen Segel sehe ich nicht.

Von allem sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.


Warum rede ich nur davon,

Dass die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?

Die Brüste der Mädchen sind warm wie ehedem.


Im meinem Lied ein Reim

Käme mir vor wie Übermut.


In mir streiten die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum

Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers,

Aber nur das Zweite drängt mich zum Schreibtisch.



                                                                                     Bert Brecht




seepferdchen


"remember when you were young

you shone like the sun

shine on you crazy diamond"


sehe unsere zukunft

dahinschwimmen

im strom der zeit

unsere jugend

ertrinkt

doch gute freundschaften

können schwimmen

oberflächlichkeit

ertrinkt

kein bademeister

der zu hilfe eilt



                                  cain




Fassungslosigkeit



Und wenn....

Und wenn wenigstens wir Dichter

die Zornesflammen niederbrennen

Und wenn das Licht unserer Augen

den Himmel blau malte

und alle Gewehre verwandelte in rote Luftballons

alle verminten Felder in riesige Parks

alle Bomben in Fontänen

die Terroristen in Schutzengel

die Schreie, die Tränen in Gesang

die Wüsten in blühende Gärten

den Hass in tiefe Zärtlichkeit

Groll und Eifersucht in sanftes Kosen


Wenn das Licht unserer Augen

einen Teppich der Freude webte

in einem duftenden Rosenfeld

damit jeder Reisende auf seiner Suche

dort ein Körnchen findet an Menschlichkeit

und dort Wurzeln schlägt durch unser Mitgefühl


dann wohnten wir im Paradies....


Fassungslos


World Trade Center - Flames


                                                   eufemiapursche    01/09/11    18:00




Im Park



Ein ganz kleines Reh

Stand am ganz kleinen Baum

Still und verklärt im Traum.

Das war des nachts elf Uhr zwei.

Und dann kam ich um vier

Morgens wieder vorbei,

Da träumte noch immer das Tier.

Nun schlich ich mich leise

- ich atmete kaum -

Gegen den Wind an dem Baum

Und gab dem Reh

Einen ganz kleinen Stips,

Da ward es aus Gips.



                                                   Ringelnatz




Über die Verführung von Engeln



Engel verführt man gar nicht oder schnell.

Verzieh ihn einfach in den Hausgang

Steck ihm die Zunge in den Mund und lang

Ihm untern Rock, bis er sich nass macht, stell

Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock

Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen

Dann halt ihn fest und lass ihn zweimal kommen

Sonst hat er dir am Ende einen Schock.

Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt

Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen

Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen

Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt.

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht

Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.



                                                                    Bert Brecht




jugendlos?



bist du noch da draußen

ich sehe dich nicht.


sehe uns nicht

ist alles schon vorbei?

unsere Jugend

die wilden Zeiten

keine Ahnung.

ich will es nicht glauben

und doch

macht sich so etwas wie Angst breit

in meinem Kopf,

in meinem Herzen noch viel mehr

Angst davor

nicht mehr nachts um 4

auf der Straße stehen zu können

weil es der Stern

auf der Haube unserer Autos verbietet



                                                                    ca




Am Meer



Den Fischen das Fliegen

Beigebracht. Unzufrieden dann

Sie getreten wegen des

Fehlenden Gesanges.



                                  Günter Kunert 1966




medizinische Astrologie bei 25°C



freunde sind wie

schwarze löcher

nur andersherum


steckst du etwas liebe hinein

kommt ganz gaanz viel liebe heraus


nun ist auch das letzte schwarze loch

in meinem universum

nur noch antimaterie

ultraviolett

infrarot

nicht mehr sichtbar

nicht mehr da

in dieser stillen sternenklaren nacht.


weit weit weg


mein universum hat kein zentrum mehr

die zwei sonnen scheinen untergegangen

die umlaufdauer beträgt fast eine woche

oder zwei.


bis mein planet wieder in hellem glanz

erscheint


manche sagen

man werde im all nicht älter

doch mein bart wächst

der blutdruck sinkt

puls ist nicht mehr zu fühlen

kammerflimmern

atmungsstillstand


defilibrieren?

keine lebensrettenden maßnahmen in sicht.


in dieser stillen sternenklaren nacht.


die sonne scheint nicht

wenn ihr gegangen seid

ich höre keinen laut

der stille.


in dieser stillen sternenklaren nacht.



                                                                    cain




Vergegenwärtigung



Warum vermisst man in der Gegenwart

Die Gegenwart der Vergangenheit?

Sollte man nicht zukünftig

Die Gegenwart der Gegenwart leben? -


Aber das würde nicht so schön wehtun.



                                                                    ©2001 Viola Latter




Leere



Ich bemerkte die Leere

Gleich da,

Gleich neben mir.

Sie verbarg sich nicht.

Sie verhielt sich ruhig.

Sie ist ein Tier,

Dass man füttern muss.



                                                                    n.n




An den Tod



Halb aus dem Schlummer erwacht,

Den ich traumlos getrunken,

Ach, wie war ich versunken

In die unendliche Nacht!


Tiefes Verdämmern des Seins,

Denkend nichts, noch empfindend!

Nichtig mir selber entschwindend,

Schatten mit Schatten zu eins!


Da beschlich's mich so bang,

Ob auch, den Bruder verdrängend,

Geist mir und Sinne verengend,

Listig der Tod mich umschlang.


Schaudernd dacht' ich's, und fuhr

Auf, und schloß mich ans Leben,

Drängte in glühndem Erheben

Kühn mich an Gott und Natur.


Siehe, da hab ich gelebt:

Was sonst, zu Tropfen zerflossen,

Langsam und karg sich ergossen,

Hat mich auf einmal durchbebt.


Oft noch berühre du mich,

Tod, wenn ich in mir zerrinne,

Bis ich mich wieder gewinne

Durch den Gedanken an dich!



                                                                    Friedrich Hebbel




Corona



Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.

Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:

Die Zeit kehrt zurück in die Schale.


Im Spiegel ist Sonntag,

Im Traum wird geschlafen,

Der Mund redet wahr.


Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:

Wir sehen uns an,

Wir sagen uns Dunkles,

Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

Wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

Wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.


Wir stehen umschlungen im Fenster,

Sie sehen uns zu von der Straße:

Es ist Zeit, daß man weiß!

Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

Daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.


Es ist Zeit.



                                                                    Paul Celan




amistad



freunde sind wie zigaretten

oft schmecken sie scheiße,

doch man ist süchtig

der einzige unterschied ist:

rauchen aufhören ist möglich

euch werde ich hoffentlich nie los.



                                                                    nem




Citizen Kane



Lang war jeder Tag

Und der Schnee

Das Licht meines weichen Himmels

Und die Kälte

Das Blut meiner glühenden Haut

Und das Spiel

Der Garten meiner tollwütigen Heiterkeit


Danach ist es nie wieder Sommer geworden

Jahre sind vergangen in zugigen Häusern

Nach den Uhren anderer

An Schreibtischen mit flüchtigen Papieren

Mit falschen Wörtern

In kaltem Zigarettenrauch


Manchmal nehme ich tastend

Die Glaskugel auf und kehre

Still für mich die Welt um

Meinen erfrorenen Erdball

Mein Winterauge

Blind vor Schnee



                                                   Karin Kiwus




Über das Frühjahr


Lange bevor

Wir uns stürzten auf Erdöl, Eisen und Ammoniak

Gab es in jedem Jahr

Die Zeit der unaufhaltsam und heftig grünenden Bäume.


Wir alle erinnern uns

Verlängerter Tage

Helleren Himmels

Änderung der Luft

Des gewiß kommenden Frühjahrs.


Noch lesen wir in Büchern

Von dieser gefeierten Jahreszeit

Und doch sind schon lange

Nicht mehr gesichtet worden über unseren Städten

Die berühmten Schwärme der Vögel.


Am ehesten noch sitzend in Eisenbahnen

Fällt dem Volk das Frühjahr auf.

Die Ebenen zeigen es

In aller Deutlichkeit.

In großer Höhe freilich


Scheinen Stürme zu gehen:

Sie berühren nur mehr

Unsere Antennen.



                                                   Bert Brecht




Alchimie de la Douleur



L'un t'éclaire avec son ardeur,

L'autre en toi met son deuil,

Nature! Ce qui dit à l'un: Sépulture!


Hermès inconnu qui m'assistes

Et qui toujours m'intimidas,

Tu me rends l'égal de Midas,

Le plus triste des alchimistes;


Par toi je change l'or en fer

Et le paradis en enfer;

Dans le suaire des nuages

Je découvre un cadavre cher,


Et sur les célestes rivages

Je bâtis de grands sarcophages.



                                                                    Charles Baudelaire




heraldisch



hier ist eden


neben dem löwen

weidet das einhorn

im lilienfeld


siamesische adler&adler

kreisen über

rosen weiß rosen rot


das einhorn äst

die köpfe der blumen

der guillotinierten


hier ist eden



                                  Yaak Karsunke 1967




Schlafwandelndes Selbstporträt



Innerhalb meines abendlichen Gehirns

Schlürft ein Schatten umher auf abgelaufenen Füßen

Eine kleine undeutliche Laterne in der Hand

Und immer im Kreise

Erkennte ich ihn wüsste ich eher

Wer ich bin und wer nicht



                                                   Günter Kunert  1966




schläferung



lass mich heut nacht in der gitarre schlafen

in der verwundeten gitarre der nacht

lass mich ruhn im zerbrochenen holz

lass meine hände schlafen auf ihren saiten

meine verwundeten hände

lass schlafen das süße holz

lass meine saiten

lass die nacht

auf den vergessenen griffen ruhn

meine zerbrochenen hände

lass schlafen auf den süßen saiten

im verwundeten holz



                                                   Hans Magnus Enzensberger 1957




Risse des Himmels



Im Labor der Träume

Wird das Lied dieser Stunde gehämmert


Stunde des flüchtigen Doms

Stunde der Zahlenkette

Auf die alle Sterne gereiht sind


Einsame Stunde der Stirn

Unter dem nächtlichen Messer

Das aus den Rissen des Himmels ragt


Im Labor der Träume

Stirbt der Tod



                                  J. Poethen 1956




Ameisen



In Hamburg lebten zwei Ameisen,

Die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona auf der Chaussee

Taten ihnen die Beine weh,

Und da verzichteten sie weise

Dann auf den letzten Teil der Reise.



                                                   Ringelnatz




Totes Leben



Die Uhren stehen still und

Zeigen die Minuten des Lebens

Nicht an.

Eine Träne kriecht hoch zur Stirn,

Abgrund tief,

Sie fällt dem süßen Meer

Der Sonne entgegen.

Die Seele des Körpers reinwaschen.

Herz aufgehängt an der Wand

Zum Trocknen.

Lüstern zerbricht der Kristall

Des Eises in meiner Hand.

Über mir schützend das Siegel,

Keiner will es brechen.

Zu viel Verantwortung,

Haben sie gesagt.

Bedrohlich unter mir der Mond,

Der Erdtrabant.

Er ist einsam,

Sein Bart schon grau.

Die blutigen Schlieren an meiner Hand,

Das Verderben;

Eingekauft,

Mit dem Leben bezahlt,

Das ich gar nicht hatte.

Im schwarzen Loch verschwunden.

Was ist dahinter,

Hinter dem Spiegel?

Sehnsucht, Droge des Lebens.

Herz, purpurschwarz.

In der Sanduhr rieseln die Jahre dahin.



                                                   ©1996 Viola Latter




Traum im Tellereisen



Gefangen bist du, Traum.

Dein Knöchel brennt,

Zerschlagen im Tellereisen.

Wind blättert

Ein Stück Rinde auf.

Eröffnet ist

Das Testament gestürzter Tannen,

Geschrieben

In regengrauer Geduld.

Unauslöschlich

Ihr letztes Vermächtnis -

Das Schweigen.

Der Hagel meißelt

Die Grabschrift auf die schwarze Glätte

Der Wasserlache.



                                                   P. Huchel 1963



Botanik 2000



mit der Zeit

riecht man nicht mehr

den lieblichen Duft der Blume.

man sieht nur noch

dass sie verwelkt.



                                                   ca




Master and Servant



There's a new game

We like to play you see

A game with added reality

You treat me like a dog

Get me down on my knees


We call it master and servant

We call it master and servant


It's a lot like life

This play between the sheets

With yo on top and me underneath

Forget all about equality


Let's play master and servant

Let's play master and servant


It's a lot like life

And that's what's appealing

If you despise that throwaway feeling

From disposable fun

Then this is the one Domination's

The name of the game

In bed or in life

They're both just the same

Except in one you're fulfilled

At the end of the day


Let's play master and servant

Let's play master and servant

Let's play master and servant

Come on master and servant



                                                   DM




Jenem Stück Bindfaden



Bindfaden, an den ich denke,

Kurz warst du und lang ist`s her.


Ohne dich wäre das so schwer

Und so hoffnungslos gewesen.


Auf der Straße vor mir aufgelesen,

Halfst du mir,

Mir und meiner Frau - Wir danken dir,

Ich und meine Frau.

Bindfaden, du dünne Kleinigkeit,

Wurdest mir zum Tau.


Damals war Hungerszeit,

Und ich hätte ohne dich in jener Zeit

Den Kartoffelsack nicht heimgebracht.



                                                   Ringelnatz




Chausseen. Chausseen



Erwürgte Abendröte

Stürzender Zeit!

Chausseen. Chausseen

Kreuzwege der Flucht.

Wagenspuren über den Acker,

Der mit den Augen

Erschlagener Pferde

Den brennenden Himmel sah.


Nächte mit Lungen voll Rauch,

Mit hartem Atem der Fliehenden,

Wenn Schüsse

Auf die Dämmerung schlugen.

Aus zerbrochenem Tor

Trat lautlos Asche und Wind,

Ein Feuer,

Das mürrisch das Dunkel kaute.


Tote,

Über die Gleise geschleudert,

Den erstickten Schrei

Wie einen Stein am Gaumen.

Ein schwarzes

Summendes Tuch aus Fliegen

Schloss ihre Wunden -


Während in heller Sonne

Das Dröhnen des Todes weiterzog.



                                  P. Huchel 1963




Mein blaues Klavier



Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.


Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.


Es spielen Sternenhände vier

- Die Mondfrau sang im Boote -

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.


Zerbrochen ist die Klaviatür...

Ich beweine die blaue Tote.


Ach liebe Engel öffnet mir

- Ich aß vom bitteren Brote -

Mir lebend schon die Himmelstür -

Auch wieder dem Verbote.



                                                   E. Lasker-Schüler 1943




Wo ich wohne



Als ich das Fenster öffnete,

Schwammen Fische ins Zimmer,

Heringe. Es schien

Eben ein Schwarm vorüberzuziehen.

Auch zwischen den Birnbäumen

Spielten sie.

Die meisten aber

Hielten sich noch im Wald

Über den Schonungen

Und Kiesgruben.


Sie sind lästig. Lästiger aber noch

Sind die Matrosen

(Auch höhere Ränge, Steuerleute, Kapitäne),

Die vielfach ans offene Fenster kommen

Und um Feuer bitten für ihren

Schlechten Tabak.


Ich will ausziehen.



                                                   Günter Eich




Versuch es


Stell dich mitten in den Regen,

Glaub an seinen Tropfenregen

Spinn dich in das Rauschen ein

Und versuche gut zu sein!


Stell dich mitten in den Wind,

Glaub an ihn und sei ein Kind -

Lass den Sturm in dich hinein

Und versuche gut zu sein!


Stell dich mitten in das Feuer,

Liebe dieses Ungeheuer

In des Herzens rotem Wein -

Und versuche gut zu sein!



                                                   Wolfgang Borchert




Poesie



Die Männer im Elektrizitätswerk

Zünden sich die Morgenzigarette an.

Sie haben, während ich nachtsüber schrieb,

Schwitzend meine Arbeitslampen gefüttert.

Sie schippten Kohlen

Für ein Mondgedicht.



                                                   K. Bartsch




Sprache



Der Baum

Größer als die Nacht

Mit dem Atem der Talseen

Mit dem Geflüster über

Der Stille


Die Steine

Unter dem Fuß

Die leuchtenden Adern

Lange im Staub

Für ewig


Sprache

Abgehetzt

Mit dem müden Mund

Auf dem endlosen Weg

Zum Hause des Nachbarn



                                  J. Bobrowski




Ich bin allein



Ich bin allein, ich stell die

Aschenblume ins Glas

Voller reifer Schwärze.

Schwestermund,

Du sprichst ein Wort, das

Fortlebt vor den Fenstern,

Und lautlos klettert,

Was ich träumt,

An mir empor.

Ich steh im Flor der

Abgeblühten Stunde

Und spar ein Harz für

Einen späten Vogel:

Er trägt die Flocke Schnee

Auf lebensroter Feder;

Das Körnchen Eis im Schnabel

Kommt er durch den Sommer.



                                  Paul Celan




Akte 4 - Verzeichnis



Neonlichtkonturen

Gehirnkatheter gelegt

Zum selbsttätigen Buchstaben-Abfluss

Großes vermischt sich mit Kleinem

Medianhirnig

Silben ohne grünem Punkt

Recyclebar? Der Nächste bitte!

Auch die Konsonanten -

Kontaminiert...ach

Syntaxausfall

Kapillaren platzen -tzettig auf

Lamellenregenschirm

Darunter kauern einzelne Vokale

Scharfes S mit stumpfer Waffe

Ausgesondert, exekutiert

Anämie der streikenden Stammzellen

Debiler Artikulierversuch

Epiphyse hängt am seidenen Faden

Träge Masse kopflastig

Brigaden an Leukozyten

Leiden an ss-Sucht

Rückenmark zerfressen - ausgehöhlt

Draußen Synapsensprachgewitter

oh, eine Oxymoron-Ausschüttung

Inspiration bitte an Kasse 5 anstellen

Ordnung muss sein!

Grammatik-Ticks

Strichcode unlesbar - und jetzt?

Zelebriertes commotio cerebri

Todesursache: Herzversagen



                                                   ©2001 Viola Latter




Patrouille



Die Steine feinden

Fenster grinst Verrat

Äste würgen

Berge Sträucher blättern raschelig

Gellen

Tod



                                  August Stramm




Kleine Aster



Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.

Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster

Zwischen die Zähne geklemmt.

Als ich von der Brust aus

Unter der Haut

Mit einem langen Messer

Zunge und Gaumen herausschnitt,

Muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt

In das nebenliegende Gehirn.

Ich packte sie ihm in die Brusthöhle

Zwischen die Holzwolle,

Als man zunähte.

Trink dich satt in deiner Vase!

Ruhe sanft,

Kleine Aster!



                                                   Gottfried Benn 1915




Reklame



Wohin aber gehen wir

Ohne sorge sein ohne sorge

Wenn es dunkel und wenn es kalt wird

Sei ohne sorge

Aber

Mit musik

Was sollen wir tun

Heiter und mit musik

Und denken

Heiter

Angesichts eines Endes

Mit musik

Und wohin tragen wir

Am besten

Unsre Fragen und den Schauer aller Jahre

In die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge

Was aber geschieht

Am besten

Wenn Totenstille


Eintritt



                                  Ingeborg Bachmann




Der Radwechsel



Ich sitze am Straßenhang.

Der Fahrer wechselt das Rad

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel

Mit Ungeduld?



                                  Bert Brecht




Dezember



Stadt, fisch reglos

Stehst du in der tiefe.


Zugefroren

Der himmel über uns

...


Überwintern, das

Maul am grund.



                                  R. Kunze 1966




Schöne Jugend



Der Mund eines Mädchens,

Das lange im Schilf gelegen hatte,

Sah so angeknabbert aus.

Als man die Brust aufbrach,

War die Speiseröhre so löcherig.

Schließlich in einer Laube

Unter dem Zwerchfell

Fand man ein Nest

Von jungen Ratten.

Ein kleines Schwesterchen lag tot.

Die andern lebten von

Leber und Niere,

Tranken das kalte Blut

Und hatten hier eine

Schöne Jugend verlebt.

Und schön und schnell

Kam auch ihr Tod:

Man warf sie allesamt ins Wasser.

Ach, wie die kleinen Schnauzen

Quietschten!



                                                   Gottfried Benn 1912




Die antenne



Sie abzusägen, drohte

Die straße


Die antenne flüchtete unter

Den first, hier


Zeigte auf sie

Das haus


Die antenne flüchtete

Ins zimmer, hier


Zeigten auf sie

Die wände


Die antenne flüchtete

In den kopf, er

Bot sicherheit


vorerst



                                  R. Kunze 1969




Laika



In einer Kugel aus Metall

Dem besten was wir besitzen

Fliegt Tag für Tag ein toter Hund

Um unsre Erde

Als Warnung

Dass so einmal kreisen könnte

Jahr für Jahr um die Sonne

Beladen mit einer toten Menschheit

Der Planet Erde

Der beste den wir besitzen



                                                   G. Kunert 1963




Raumordnung



Über dem Himmel

Zieht mit ruhigen Schwingen

Der Milan

Wir

Ziehen mit Bebauungsplänen über die Erde

Morgen ist der Himmel

Leer



                                                   W. Klute 1984




Arm Kräutchen



Ein Sauerampfer auf dem Damm

Stand zwischen den Bahngeleisen.

Machte vor jedem D-Zug stramm,

Sah viele Menschen reisen.


Und stand verstaubt und schluckte Qualm

Schwindsüchtig und verloren.

Ein armes Kraut, ein schwacher Halm

Mit Augen, Herz und Ohren.


Sah Züge schwinden, Züge nahn.

Der arme Sauerampfer

Sah Eisenbahn um Eisenbahn,

Sah niemals einen Dampfer.



                                                   Ringelnatz




Ich will tauschen



Tausche

Sündteure Luxusgüter

Gegen eine Kombipackung

Zufriedenheit und Dankbarkeit.


Tausche

Einen randvollen Terminkalender

Gegen ein Überraschungspaket

Zu Herzen gehender Augenblicke.


Tausche

Extragroße Zweifel und

Ängste

Gegen eine Familienpackung

Vertrauen und Geborgenheit.


Tausche

Ein Leben voll Haben

Gegen ein Leben

Voll Sein und Sinn.



                                                   Ernst Ferstl




Nachtcafé



824: Der Frauen Liebe und Leben.

Das Cello trinkt rasch mal.


Die Flöte rülpst tief drei Takte lang:

Das schöne Abendbrot.

Die Trommel liest den

Kriminalroman zu Ende.


Grüne Zähne, Pickel im Gesicht

Winkt einer Lidrandentzündung.


Fett im Haar

Spricht zu offenem Mund

Mit Rachenmandel

Glaube Liebe Hoffnung

Um den Hals.


Junger Kropf ist Sattelnase gut.

Er bezahlt für sie drei Biere.


Bartflechte kauft Nelken,

Doppelkinn zu erweichen.


B-moll: die 35. Sonate

Zwei Augen brüllen auf:

Spritzt nicht das Blut

Von Chopin in den Saal,

Damit das Pack drauf rumlatscht!

Schluss! He, Gigi!-


Die Tür fließt hin: ein Weib.

Wüste ausgedörrt.

Kanaanitisch braun.

Keusch höhlenreich.

Ein Duft kommt mit. Kaum Duft.

Es ist nur eine süße

Vorwölbung der Luft

Gegen mein Gehirn.


Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.



                                                   Gottfried Benn 1912




Schrapnell



Der Himmel wirft Wolken

Und knattert zu Rauch.

Spitzen blitzen.

Füße wippen stiebig kiesel.

Augen kichern in die Wirre

Und zergehren.



                                  A. Stramm 1915




Kindersand



Das schönste für Kinder ist Sand.

Ihn gibt`s immer reichlich.

Er rinnt unvergleichlich

Zärtlich durch die Hand.


Weil man seine Nase behält,

Wenn man auf ihn fällt.

Ist er so weich;

Kinderfinger fühlen,

Wenn Sie in ihm wühlen

Nichts und das Himmelreich.

Denn kein Kind lacht

Über gemahlene Macht.



                                  Ringelnatz




Die gestundetet Zeit



Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.

Bald mußt du den Schuh schnüren

Und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

Sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

Die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.


Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

Er steigt um ihr wehendes Haar,

Er fällt ihr ins Wort,

Er befiehlt ihr zu schweigen,

Er findet sie sterblich

Und willig dem Abschied

Nach jeder Umarmung.


Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!


Es kommen härtere Tage.



                                  Ingeborg Bachmann




Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke



Der Mann:

Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße

Und diese Reihe sind zerfallene Brust.

Bett stinkt bei Bett.

Die Schwestern wechseln stündlich.


Komm, hebe ruhig diese Decke auf.

Sieh, dieser Klumpen Fett

Und faule Säfte,

Das war einst irgendeinem

Mann groß und hieß

Auch Rausch und Heimat.


Komm, sieh auf diese Narbe

An der Brust.

Fühlst du den Rosenkranz

Von weichen Knoten?

Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist

Weich und schmerzt nicht.


Hier diese blutet wie aus

Dreißig Leibern

Kein Mensch hat soviel Blut

Hier dieser schnitt man

Erst noch ein Kind

Aus dem verkrebsten Schoß.


Man lässt sie schlafen.

Tag und Nacht. - Den Neuen

Sagt man: Hier schläft man sich gesund.

- Nur sonntags für den Besuch lässt

Man sie etwas wacher.


Nahrung wird wenig noch verzehrt.

Die Rücken sind wund.

Du siehst die Fliegen.

Manchmal wäscht sie die Schwester

Wie man Bänke wäscht.


Hier schwillt der Acker schon

Um jedes Bett.

Fleisch ebnet sich zu Land.

Glut gibt sich fort.

Saft schickt sich an zu rinnen.

Erde ruft.



                                                   Gottfried Benn




O Rose, du bist krank!

Der unsichtbare Wurm,

Der die Nacht durchfliegt

Im heulenden Sturm


Fand dein Bett

Purpurner Freude,

Und seiner dunklen,

Heimlichen Liebe

Fällt dein Leben zur Beute.



                                 William Blake




Ich benötige keinen Grabstein



Ich benötige keinen Grabstein,

Aber wenn ihr einen für mich benötigt,

Wünschte ich, es stünde darauf:

Er hat Vorschläge gemacht.

Wir haben sie angenommen.

Durch eine solche Inschrift

Wären wir alle geehrt.



                                                   Bert Brecht




A une passante



La rue assourdissante autour de moi hurlait.

Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,

Une femme passa, d'une main fastueuse

Soulevant, balançant le feston et l'ourlet;


Agile et noble, avec sa jambe de statue.

Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,

Dans son oeil, ciel livide où germe l'ouragan,

La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.


Un éclair... puis la nuit! - Fugitive beauté

Dont le regard m'a fait soudainement renaître,

Ne te verrai-je plus que dans l'éternité?


Ailleurs, bien loin d'ici! trop tard! jamais peut-être!

Car j'ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,

O toi que j'eusse aimée, ô toi qui le savais!



                                                                                     Charles Baudelaire




Bumerang



War einmal ein Bumerang;

War ein weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück.

Publikum - noch stundenlang

Wartete auf Bumerang.



                                  Ringelnatz




Der Tunnel



Der dunkle Tunnel

Wir müssen ihn gehen?

Nur vorwärts und weiter

Ohne zu verstehen

Wo wird er uns hinführen

Was wird er uns geben

Das Licht scheint am Ende

Der Tunnel, das Leben?


Das Leben, der Tunnel

Es muss nicht so sein

Es kommt auf dich selbst an

Verdränge den Schein

Und du kannst frei laufen

Die Richtung? Egal!

Denn du bist das Licht

Und du hast die Wahl


Drum lebe dein Leben

Und hör auf dich selbst

Denn nur das was du willst

Ist das was dir hilft

Doch helf auch den andren

Sei Freund und sei Licht

Die Wege sind offen

Versperr sie dir nicht



                                  Jürgen Rother (Boix)




Zeit in der Zukunft



Jede Sekunde der Zeit

Ist ein Sturm

In der Endlosigkeit

Der Zukunft.


Zeit in der Zukunft,

Zukunft nicht ohne Zeit,

Erloschen im Egoismus

Des Augenblicks,

Wiedergeboren in den Wünschen

Des Kommenden.


Sich deshalb nicht

Augenlos und taub im Passieren

Der Zeit verlieren,

Für eine Zukunft der Toleranz.



                                                   n. n.




Spiegel meiner Seele



Das Blatt vor mir ist leer.

Man sagt, ich soll etwas

Buntes malen, etwas helles.

Es fällt mir schwer,

Mich für eine Farbe zu entscheiden.

Meine Augen wandern durch den Raum,

Bleiben am Fenster stehn,

Welches sich in grau zeigt.

Es kommt mir vor

Wie der Spiegel meiner Seele.



                                  n. n.




Überangebot



Der Süden hielt sich

Den ganzen Winter hindurch

Im Supermarkt als

Überangebot

Von Früchten

In Bereitschaft

                       Wo?

Da noch hinreisen?

Jetzt im Frühling?


In welches

KiwiPapayaKolibri

KongoBongo

TimbuktuParadies?



                                  Heise




Kurze Versuchsanordnung



Bei einer Geschwindigkeit von etwa

60 Stundenkilometern sind

Zwei Fahrzeuge soeben

Frontal aufeinander geprallt.

10 Millisekunden danach blockieren die Gurte,

20 Millisekunden danach spannen sie sich.

Zu diesem Zeitpunkt sind beide Wagen

Bereits 30cm kürzer.

40 Millisekunden danach hat der Beckengurt

Eines Fahrers maximal eine halbe Tonne gehalten,

Der Schultergurt sieben Kilo-Newton.

70 Millisekunden danach sind

Die Karosserien 70cm kürzer.

Ein sechsjähriger, nicht angeschnallter Junge

Stürzt von der Mitte des Hintersitzes kopfüber

Auf Armaturenbrett und Windschutzscheibe.

Dem Fahrer, der einen halben Meter nach vorn

Gerissen wurde, fällt von hinten

Seine nicht angeschnallte Frau ins Kreuz

Und drückt ihn mit dem Zwanzigfachen

Ihres Körpergewichts in seinen ausgespannten Gurt.

Sein Schulterblatt links und ein paar Rippen brechen.

In der 80 Millisekunde schießt ein Spielzeugauto

von der Hutablage und trifft

Mit der Wucht eines Vorschlaghammers

Den Kopf des vorn rechts

In einem Schalensitz angegurteten Babys.

In der 85. Millisekunde schnellt der Kopf

Des Fahrers wieder zurück

Und stößt mit dem nach vorn geschleuderten

Kopf seiner Frau unmittelbar zusammen.


Nach 100 Millisekunden ist alles vorbei.



                                                                    Karin Kiwus




Die Schnupftabakdose



Es war eine Schnupftabakdose,

Die hatte Friedrich der Große

Sich selbst geschnitzt aus Nussbaumholz.

Und darauf war sie natürlich stolz.


Da kam ein Holzwurm gekrochen.

Der hatte Nußbaum gerochen.

Die Dose erzählte ihm lang und breit

Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.


Sie nannte den alten Fritz generös.

Da aber wurde der Holzwurm nervös.

Und sagte, indem er zu bohren begann:

Was geht mich Friedrich der Große an?



                                                   Ringelnatz




Die allegorische Spinne



Es hängt ihr Netz

An ungeschütztem Ort.


Wer sich verfängt,

Verwest am leichten Faden.


Wer sich befreit,

Zerstört den schönen Text.


Kein anderer

Hat ihn je verstanden.



                                  P.H. Neumann




Glück



Nichts mehr,

Was dich treibt,

Nichts mehr,

Was dich hält.

Auf den Hügel hinauf

Und solange nach Innen singen,

Bis die Stimme

Dich aufhebt

Und mitnimmt.



                                  Härtling

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