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Ein gutes Gedicht lesen,
Ein schönes Gemälde sehen,
Ein sanftes Lied hören
Oder ein herzliches Wort mit Freunden reden,
Um auch den schöneren, den menschlicheren Teil
Unseres Wesens zu bilden.
Heinrich von Kleist
Ich weiß doch: nur der Glückliche ist beliebt.
Seine Stimme hört man gern.
Sein Gesicht ist schön.
Der verkrüppelte Baum im Hof zeigt auf schlechten Boden,
aber die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel.
Doch mit Recht.
Die grünen Boote und die lustigen Segel sehe ich nicht.
Von allem sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.
Warum rede ich nur davon,
Dass die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?
Die Brüste der Mädchen sind warm wie ehedem.
Im meinem Lied ein Reim
Käme mir vor wie Übermut.
In mir streiten die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers,
Aber nur das Zweite drängt mich zum Schreibtisch.
Bert Brecht
"remember when you were young
you shone like the sun
shine on you crazy diamond"
sehe unsere zukunft
dahinschwimmen
im strom der zeit
unsere jugend
ertrinkt
doch gute freundschaften
können schwimmen
oberflächlichkeit
ertrinkt
kein bademeister
der zu hilfe eilt
Und wenn....
Und wenn wenigstens wir Dichter
die Zornesflammen niederbrennen
Und wenn das Licht unserer Augen
den Himmel blau malte
und alle Gewehre verwandelte in rote Luftballons
alle verminten Felder in riesige Parks
alle Bomben in Fontänen
die Terroristen in Schutzengel
die Schreie, die Tränen in Gesang
die Wüsten in blühende Gärten
den Hass in tiefe Zärtlichkeit
Groll und Eifersucht in sanftes Kosen
Wenn das Licht unserer Augen
einen Teppich der Freude webte
in einem duftenden Rosenfeld
damit jeder Reisende auf seiner Suche
dort ein Körnchen findet an Menschlichkeit
und dort Wurzeln schlägt durch unser Mitgefühl
dann wohnten wir im Paradies....
Fassungslos
World Trade Center - Flames
eufemiapursche 01/09/11 18:00
Ein ganz kleines Reh
Stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt im Traum.
Das war des nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise
- ich atmete kaum -
Gegen den Wind an dem Baum
Und gab dem Reh
Einen ganz kleinen Stips,
Da ward es aus Gips.
Ringelnatz
Über die Verführung von Engeln
Engel verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hausgang
Steck ihm die Zunge in den Mund und lang
Ihm untern Rock, bis er sich nass macht, stell
Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und lass ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock.
Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt.
Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.
Bert Brecht
bist du noch da draußen
ich sehe dich nicht.
sehe uns nicht
ist alles schon vorbei?
unsere Jugend
die wilden Zeiten
keine Ahnung.
ich will es nicht glauben
und doch
macht sich so etwas wie Angst breit
in meinem Kopf,
in meinem Herzen noch viel mehr
Angst davor
nicht mehr nachts um 4
auf der Straße stehen zu können
weil es der Stern
auf der Haube unserer Autos verbietet
Den Fischen das Fliegen
Beigebracht. Unzufrieden dann
Sie getreten wegen des
Fehlenden Gesanges.
Günter Kunert 1966
medizinische Astrologie bei 25°C
freunde sind wie
schwarze löcher
nur andersherum
steckst du etwas liebe hinein
kommt ganz gaanz viel liebe heraus
nun ist auch das letzte schwarze loch
in meinem universum
nur noch antimaterie
ultraviolett
infrarot
nicht mehr sichtbar
nicht mehr da
in dieser stillen sternenklaren nacht.
weit weit weg
mein universum hat kein zentrum mehr
die zwei sonnen scheinen untergegangen
die umlaufdauer beträgt fast eine woche
oder zwei.
bis mein planet wieder in hellem glanz
erscheint
manche sagen
man werde im all nicht älter
doch mein bart wächst
der blutdruck sinkt
puls ist nicht mehr zu fühlen
kammerflimmern
atmungsstillstand
defilibrieren?
keine lebensrettenden maßnahmen in sicht.
in dieser stillen sternenklaren nacht.
die sonne scheint nicht
wenn ihr gegangen seid
ich höre keinen laut
der stille.
in dieser stillen sternenklaren nacht.
Warum vermisst man in der Gegenwart
Die Gegenwart der Vergangenheit?
Sollte man nicht zukünftig
Die Gegenwart der Gegenwart leben? -
Aber das würde nicht so schön wehtun.
©2001 Viola Latter
Ich bemerkte die Leere
Gleich da,
Gleich neben mir.
Sie verbarg sich nicht.
Sie verhielt sich ruhig.
Sie ist ein Tier,
Dass man füttern muss.
n.n
Halb aus dem Schlummer erwacht,
Den ich traumlos getrunken,
Ach, wie war ich versunken
In die unendliche Nacht!
Tiefes Verdämmern des Seins,
Denkend nichts, noch empfindend!
Nichtig mir selber entschwindend,
Schatten mit Schatten zu eins!
Da beschlich's mich so bang,
Ob auch, den Bruder verdrängend,
Geist mir und Sinne verengend,
Listig der Tod mich umschlang.
Schaudernd dacht' ich's, und fuhr
Auf, und schloß mich ans Leben,
Drängte in glühndem Erheben
Kühn mich an Gott und Natur.
Siehe, da hab ich gelebt:
Was sonst, zu Tropfen zerflossen,
Langsam und karg sich ergossen,
Hat mich auf einmal durchbebt.
Oft noch berühre du mich,
Tod, wenn ich in mir zerrinne,
Bis ich mich wieder gewinne
Durch den Gedanken an dich!
Friedrich Hebbel
Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
Die Zeit kehrt zurück in die Schale.
Im Spiegel ist Sonntag,
Im Traum wird geschlafen,
Der Mund redet wahr.
Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
Wir sehen uns an,
Wir sagen uns Dunkles,
Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
Wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
Wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.
Wir stehen umschlungen im Fenster,
Sie sehen uns zu von der Straße:
Es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
Daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.
Paul Celan
freunde sind wie zigaretten
oft schmecken sie scheiße,
doch man ist süchtig
der einzige unterschied ist:
rauchen aufhören ist möglich
euch werde ich hoffentlich nie los.
Lang war jeder Tag
Und der Schnee
Das Licht meines weichen Himmels
Und die Kälte
Das Blut meiner glühenden Haut
Und das Spiel
Der Garten meiner tollwütigen Heiterkeit
Danach ist es nie wieder Sommer geworden
Jahre sind vergangen in zugigen Häusern
Nach den Uhren anderer
An Schreibtischen mit flüchtigen Papieren
Mit falschen Wörtern
In kaltem Zigarettenrauch
Manchmal nehme ich tastend
Die Glaskugel auf und kehre
Still für mich die Welt um
Meinen erfrorenen Erdball
Mein Winterauge
Blind vor Schnee
Karin Kiwus
Lange bevor
Wir uns stürzten auf Erdöl, Eisen und Ammoniak
Gab es in jedem Jahr
Die Zeit der unaufhaltsam und heftig grünenden Bäume.
Wir alle erinnern uns
Verlängerter Tage
Helleren Himmels
Änderung der Luft
Des gewiß kommenden Frühjahrs.
Noch lesen wir in Büchern
Von dieser gefeierten Jahreszeit
Und doch sind schon lange
Nicht mehr gesichtet worden über unseren Städten
Die berühmten Schwärme der Vögel.
Am ehesten noch sitzend in Eisenbahnen
Fällt dem Volk das Frühjahr auf.
Die Ebenen zeigen es
In aller Deutlichkeit.
In großer Höhe freilich
Scheinen Stürme zu gehen:
Sie berühren nur mehr
Unsere Antennen.
Bert Brecht
L'un t'éclaire avec son ardeur,
L'autre en toi met son deuil,
Nature! Ce qui dit à l'un: Sépulture!
Hermès inconnu qui m'assistes
Et qui toujours m'intimidas,
Tu me rends l'égal de Midas,
Le plus triste des alchimistes;
Par toi je change l'or en fer
Et le paradis en enfer;
Dans le suaire des nuages
Je découvre un cadavre cher,
Et sur les célestes rivages
Je bâtis de grands sarcophages.
Charles Baudelaire
hier ist eden
neben dem löwen
weidet das einhorn
im lilienfeld
siamesische adler&adler
kreisen über
rosen weiß rosen rot
das einhorn äst
die köpfe der blumen
der guillotinierten
hier ist eden
Yaak Karsunke 1967
Schlafwandelndes Selbstporträt
Innerhalb meines abendlichen Gehirns
Schlürft ein Schatten umher auf abgelaufenen Füßen
Eine kleine undeutliche Laterne in der Hand
Und immer im Kreise
Erkennte ich ihn wüsste ich eher
Wer ich bin und wer nicht
Günter Kunert 1966
lass mich heut nacht in der gitarre schlafen
in der verwundeten gitarre der nacht
lass mich ruhn im zerbrochenen holz
lass meine hände schlafen auf ihren saiten
meine verwundeten hände
lass schlafen das süße holz
lass meine saiten
lass die nacht
auf den vergessenen griffen ruhn
meine zerbrochenen hände
lass schlafen auf den süßen saiten
im verwundeten holz
Hans Magnus Enzensberger 1957
Im Labor der Träume
Wird das Lied dieser Stunde gehämmert
Stunde des flüchtigen Doms
Stunde der Zahlenkette
Auf die alle Sterne gereiht sind
Einsame Stunde der Stirn
Unter dem nächtlichen Messer
Das aus den Rissen des Himmels ragt
Im Labor der Träume
Stirbt der Tod
J. Poethen 1956
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
Ringelnatz
Die Uhren stehen still und
Zeigen die Minuten des Lebens
Nicht an.
Eine Träne kriecht hoch zur Stirn,
Abgrund tief,
Sie fällt dem süßen Meer
Der Sonne entgegen.
Die Seele des Körpers reinwaschen.
Herz aufgehängt an der Wand
Zum Trocknen.
Lüstern zerbricht der Kristall
Des Eises in meiner Hand.
Über mir schützend das Siegel,
Keiner will es brechen.
Zu viel Verantwortung,
Haben sie gesagt.
Bedrohlich unter mir der Mond,
Der Erdtrabant.
Er ist einsam,
Sein Bart schon grau.
Die blutigen Schlieren an meiner Hand,
Das Verderben;
Eingekauft,
Mit dem Leben bezahlt,
Das ich gar nicht hatte.
Im schwarzen Loch verschwunden.
Was ist dahinter,
Hinter dem Spiegel?
Sehnsucht, Droge des Lebens.
Herz, purpurschwarz.
In der Sanduhr rieseln die Jahre dahin.
©1996 Viola Latter
Gefangen bist du, Traum.
Dein Knöchel brennt,
Zerschlagen im Tellereisen.
Wind blättert
Ein Stück Rinde auf.
Eröffnet ist
Das Testament gestürzter Tannen,
Geschrieben
In regengrauer Geduld.
Unauslöschlich
Ihr letztes Vermächtnis -
Das Schweigen.
Der Hagel meißelt
Die Grabschrift auf die schwarze Glätte
Der Wasserlache.
P. Huchel 1963
mit der Zeit
riecht man nicht mehr
den lieblichen Duft der Blume.
man sieht nur noch
dass sie verwelkt.
There's a new game
We like to play you see
A game with added reality
You treat me like a dog
Get me down on my knees
We call it master and servant
We call it master and servant
It's a lot like life
This play between the sheets
With yo on top and me underneath
Forget all about equality
Let's play master and servant
Let's play master and servant
It's a lot like life
And that's what's appealing
If you despise that throwaway feeling
From disposable fun
Then this is the one Domination's
The name of the game
In bed or in life
They're both just the same
Except in one you're fulfilled
At the end of the day
Let's play master and servant
Let's play master and servant
Let's play master and servant
Come on master and servant
DM
Bindfaden, an den ich denke,
Kurz warst du und lang ist`s her.
Ohne dich wäre das so schwer
Und so hoffnungslos gewesen.
Auf der Straße vor mir aufgelesen,
Halfst du mir,
Mir und meiner Frau - Wir danken dir,
Ich und meine Frau.
Bindfaden, du dünne Kleinigkeit,
Wurdest mir zum Tau.
Damals war Hungerszeit,
Und ich hätte ohne dich in jener Zeit
Den Kartoffelsack nicht heimgebracht.
Ringelnatz
Erwürgte Abendröte
Stürzender Zeit!
Chausseen. Chausseen
Kreuzwege der Flucht.
Wagenspuren über den Acker,
Der mit den Augen
Erschlagener Pferde
Den brennenden Himmel sah.
Nächte mit Lungen voll Rauch,
Mit hartem Atem der Fliehenden,
Wenn Schüsse
Auf die Dämmerung schlugen.
Aus zerbrochenem Tor
Trat lautlos Asche und Wind,
Ein Feuer,
Das mürrisch das Dunkel kaute.
Tote,
Über die Gleise geschleudert,
Den erstickten Schrei
Wie einen Stein am Gaumen.
Ein schwarzes
Summendes Tuch aus Fliegen
Schloss ihre Wunden -
Während in heller Sonne
Das Dröhnen des Todes weiterzog.
P. Huchel 1963
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielen Sternenhände vier
- Die Mondfrau sang im Boote -
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür...
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
- Ich aß vom bitteren Brote -
Mir lebend schon die Himmelstür -
Auch wieder dem Verbote.
E. Lasker-Schüler 1943
Als ich das Fenster öffnete,
Schwammen Fische ins Zimmer,
Heringe. Es schien
Eben ein Schwarm vorüberzuziehen.
Auch zwischen den Birnbäumen
Spielten sie.
Die meisten aber
Hielten sich noch im Wald
Über den Schonungen
Und Kiesgruben.
Sie sind lästig. Lästiger aber noch
Sind die Matrosen
(Auch höhere Ränge, Steuerleute, Kapitäne),
Die vielfach ans offene Fenster kommen
Und um Feuer bitten für ihren
Schlechten Tabak.
Ich will ausziehen.
Günter Eich
Stell dich mitten in den Regen,
Glaub an seinen Tropfenregen
Spinn dich in das Rauschen ein
Und versuche gut zu sein!
Stell dich mitten in den Wind,
Glaub an ihn und sei ein Kind -
Lass den Sturm in dich hinein
Und versuche gut zu sein!
Stell dich mitten in das Feuer,
Liebe dieses Ungeheuer
In des Herzens rotem Wein -
Und versuche gut zu sein!
Wolfgang Borchert
Die Männer im Elektrizitätswerk
Zünden sich die Morgenzigarette an.
Sie haben, während ich nachtsüber schrieb,
Schwitzend meine Arbeitslampen gefüttert.
Sie schippten Kohlen
Für ein Mondgedicht.
K. Bartsch
Der Baum
Größer als die Nacht
Mit dem Atem der Talseen
Mit dem Geflüster über
Der Stille
Die Steine
Unter dem Fuß
Die leuchtenden Adern
Lange im Staub
Für ewig
Sprache
Abgehetzt
Mit dem müden Mund
Auf dem endlosen Weg
Zum Hause des Nachbarn
J. Bobrowski
Ich bin allein, ich stell die
Aschenblume ins Glas
Voller reifer Schwärze.
Schwestermund,
Du sprichst ein Wort, das
Fortlebt vor den Fenstern,
Und lautlos klettert,
Was ich träumt,
An mir empor.
Ich steh im Flor der
Abgeblühten Stunde
Und spar ein Harz für
Einen späten Vogel:
Er trägt die Flocke Schnee
Auf lebensroter Feder;
Das Körnchen Eis im Schnabel
Kommt er durch den Sommer.
Paul Celan
Neonlichtkonturen
Gehirnkatheter gelegt
Zum selbsttätigen Buchstaben-Abfluss
Großes vermischt sich mit Kleinem
Medianhirnig
Silben ohne grünem Punkt
Recyclebar? Der Nächste bitte!
Auch die Konsonanten -
Kontaminiert...ach
Syntaxausfall
Kapillaren platzen -tzettig auf
Lamellenregenschirm
Darunter kauern einzelne Vokale
Scharfes S mit stumpfer Waffe
Ausgesondert, exekutiert
Anämie der streikenden Stammzellen
Debiler Artikulierversuch
Epiphyse hängt am seidenen Faden
Träge Masse kopflastig
Brigaden an Leukozyten
Leiden an ss-Sucht
Rückenmark zerfressen - ausgehöhlt
Draußen Synapsensprachgewitter
oh, eine Oxymoron-Ausschüttung
Inspiration bitte an Kasse 5 anstellen
Ordnung muss sein!
Grammatik-Ticks
Strichcode unlesbar - und jetzt?
Zelebriertes commotio cerebri
Todesursache: Herzversagen
©2001 Viola Latter
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschelig
Gellen
Tod
August Stramm
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
Zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
Unter der Haut
Mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
Muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
In das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
Zwischen die Holzwolle,
Als man zunähte.
Trink dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
Kleine Aster!
Gottfried Benn 1915
Wohin aber gehen wir
Ohne sorge sein ohne sorge
Wenn es dunkel und wenn es kalt wird
Sei ohne sorge
Aber
Mit musik
Was sollen wir tun
Heiter und mit musik
Und denken
Heiter
Angesichts eines Endes
Mit musik
Und wohin tragen wir
Am besten
Unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
In die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
Was aber geschieht
Am besten
Wenn Totenstille
Eintritt
Ingeborg Bachmann
Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?
Bert Brecht
Stadt, fisch reglos
Stehst du in der tiefe.
Zugefroren
Der himmel über uns
...
Überwintern, das
Maul am grund.
R. Kunze 1966
Der Mund eines Mädchens,
Das lange im Schilf gelegen hatte,
Sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach,
War die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube
Unter dem Zwerchfell
Fand man ein Nest
Von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von
Leber und Niere,
Tranken das kalte Blut
Und hatten hier eine
Schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell
Kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen
Quietschten!
Gottfried Benn 1912
Sie abzusägen, drohte
Die straße
Die antenne flüchtete unter
Den first, hier
Zeigte auf sie
Das haus
Die antenne flüchtete
Ins zimmer, hier
Zeigten auf sie
Die wände
Die antenne flüchtete
In den kopf, er
Bot sicherheit
vorerst
R. Kunze 1969
In einer Kugel aus Metall
Dem besten was wir besitzen
Fliegt Tag für Tag ein toter Hund
Um unsre Erde
Als Warnung
Dass so einmal kreisen könnte
Jahr für Jahr um die Sonne
Beladen mit einer toten Menschheit
Der Planet Erde
Der beste den wir besitzen
G. Kunert 1963
Über dem Himmel
Zieht mit ruhigen Schwingen
Der Milan
Wir
Ziehen mit Bebauungsplänen über die Erde
Morgen ist der Himmel
Leer
W. Klute 1984
Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen den Bahngeleisen.
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.
Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren.
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm
Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.
Ringelnatz
Tausche
Sündteure Luxusgüter
Gegen eine Kombipackung
Zufriedenheit und Dankbarkeit.
Tausche
Einen randvollen Terminkalender
Gegen ein Überraschungspaket
Zu Herzen gehender Augenblicke.
Tausche
Extragroße Zweifel und
Ängste
Gegen eine Familienpackung
Vertrauen und Geborgenheit.
Tausche
Ein Leben voll Haben
Gegen ein Leben
Voll Sein und Sinn.
824: Der Frauen Liebe und Leben.
Das Cello trinkt rasch mal.
Die Flöte rülpst tief drei Takte lang:
Das schöne Abendbrot.
Die Trommel liest den
Kriminalroman zu Ende.
Grüne Zähne, Pickel im Gesicht
Winkt einer Lidrandentzündung.
Fett im Haar
Spricht zu offenem Mund
Mit Rachenmandel
Glaube Liebe Hoffnung
Um den Hals.
Junger Kropf ist Sattelnase gut.
Er bezahlt für sie drei Biere.
Bartflechte kauft Nelken,
Doppelkinn zu erweichen.
B-moll: die 35. Sonate
Zwei Augen brüllen auf:
Spritzt nicht das Blut
Von Chopin in den Saal,
Damit das Pack drauf rumlatscht!
Schluss! He, Gigi!-
Die Tür fließt hin: ein Weib.
Wüste ausgedörrt.
Kanaanitisch braun.
Keusch höhlenreich.
Ein Duft kommt mit. Kaum Duft.
Es ist nur eine süße
Vorwölbung der Luft
Gegen mein Gehirn.
Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.
Gottfried Benn 1912
Der Himmel wirft Wolken
Und knattert zu Rauch.
Spitzen blitzen.
Füße wippen stiebig kiesel.
Augen kichern in die Wirre
Und zergehren.
A. Stramm 1915
Das schönste für Kinder ist Sand.
Ihn gibt`s immer reichlich.
Er rinnt unvergleichlich
Zärtlich durch die Hand.
Weil man seine Nase behält,
Wenn man auf ihn fällt.
Ist er so weich;
Kinderfinger fühlen,
Wenn Sie in ihm wühlen
Nichts und das Himmelreich.
Denn kein Kind lacht
Über gemahlene Macht.
Ringelnatz
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
Wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
Und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
Sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
Die auf Widerruf gestundete Zeit
Wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
Er steigt um ihr wehendes Haar,
Er fällt ihr ins Wort,
Er befiehlt ihr zu schweigen,
Er findet sie sterblich
Und willig dem Abschied
Nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Ingeborg Bachmann
Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke
Der Mann:
Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße
Und diese Reihe sind zerfallene Brust.
Bett stinkt bei Bett.
Die Schwestern wechseln stündlich.
Komm, hebe ruhig diese Decke auf.
Sieh, dieser Klumpen Fett
Und faule Säfte,
Das war einst irgendeinem
Mann groß und hieß
Auch Rausch und Heimat.
Komm, sieh auf diese Narbe
An der Brust.
Fühlst du den Rosenkranz
Von weichen Knoten?
Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist
Weich und schmerzt nicht.
Hier diese blutet wie aus
Dreißig Leibern
Kein Mensch hat soviel Blut
Hier dieser schnitt man
Erst noch ein Kind
Aus dem verkrebsten Schoß.
Man lässt sie schlafen.
Tag und Nacht. - Den Neuen
Sagt man: Hier schläft man sich gesund.
- Nur sonntags für den Besuch lässt
Man sie etwas wacher.
Nahrung wird wenig noch verzehrt.
Die Rücken sind wund.
Du siehst die Fliegen.
Manchmal wäscht sie die Schwester
Wie man Bänke wäscht.
Hier schwillt der Acker schon
Um jedes Bett.
Fleisch ebnet sich zu Land.
Glut gibt sich fort.
Saft schickt sich an zu rinnen.
Erde ruft.
Gottfried Benn
Der unsichtbare Wurm,
Der die Nacht durchfliegt
Im heulenden Sturm
Fand dein Bett
Purpurner Freude,
Und seiner dunklen,
Heimlichen Liebe
Fällt dein Leben zur Beute.
William Blake
Ich benötige keinen Grabstein,
Aber wenn ihr einen für mich benötigt,
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht.
Wir haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift
Wären wir alle geehrt.
Bert Brecht
La rue assourdissante autour de moi hurlait.
Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,
Une femme passa, d'une main fastueuse
Soulevant, balançant le feston et l'ourlet;
Agile et noble, avec sa jambe de statue.
Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,
Dans son oeil, ciel livide où germe l'ouragan,
La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.
Un éclair... puis la nuit! - Fugitive beauté
Dont le regard m'a fait soudainement renaître,
Ne te verrai-je plus que dans l'éternité?
Ailleurs, bien loin d'ici! trop tard! jamais peut-être!
Car j'ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,
O toi que j'eusse aimée, ô toi qui le savais!
Charles Baudelaire
War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang
Wartete auf Bumerang.
Ringelnatz
Der dunkle Tunnel
Wir müssen ihn gehen?
Nur vorwärts und weiter
Ohne zu verstehen
Wo wird er uns hinführen
Was wird er uns geben
Das Licht scheint am Ende
Der Tunnel, das Leben?
Das Leben, der Tunnel
Es muss nicht so sein
Es kommt auf dich selbst an
Verdränge den Schein
Und du kannst frei laufen
Die Richtung? Egal!
Denn du bist das Licht
Und du hast die Wahl
Drum lebe dein Leben
Und hör auf dich selbst
Denn nur das was du willst
Ist das was dir hilft
Doch helf auch den andren
Sei Freund und sei Licht
Die Wege sind offen
Versperr sie dir nicht
Jürgen Rother (Boix)
Zeit in der Zukunft
Jede Sekunde der Zeit
Ist ein Sturm
In der Endlosigkeit
Der Zukunft.
Zeit in der Zukunft,
Zukunft nicht ohne Zeit,
Erloschen im Egoismus
Des Augenblicks,
Wiedergeboren in den Wünschen
Des Kommenden.
Sich deshalb nicht
Augenlos und taub im Passieren
Der Zeit verlieren,
Für eine Zukunft der Toleranz.
n. n.
Das Blatt vor mir ist leer.
Man sagt, ich soll etwas
Buntes malen, etwas helles.
Es fällt mir schwer,
Mich für eine Farbe zu entscheiden.
Meine Augen wandern durch den Raum,
Bleiben am Fenster stehn,
Welches sich in grau zeigt.
Es kommt mir vor
Wie der Spiegel meiner Seele.
n. n.
Der Süden hielt sich
Den ganzen Winter hindurch
Im Supermarkt als
Überangebot
Von Früchten
In Bereitschaft
Wo?
Da noch hinreisen?
Jetzt im Frühling?
In welches
KiwiPapayaKolibri
KongoBongo
TimbuktuParadies?
Heise
Bei einer Geschwindigkeit von etwa
60 Stundenkilometern sind
Zwei Fahrzeuge soeben
Frontal aufeinander geprallt.
10 Millisekunden danach blockieren die Gurte,
20 Millisekunden danach spannen sie sich.
Zu diesem Zeitpunkt sind beide Wagen
Bereits 30cm kürzer.
40 Millisekunden danach hat der Beckengurt
Eines Fahrers maximal eine halbe Tonne gehalten,
Der Schultergurt sieben Kilo-Newton.
70 Millisekunden danach sind
Die Karosserien 70cm kürzer.
Ein sechsjähriger, nicht angeschnallter Junge
Stürzt von der Mitte des Hintersitzes kopfüber
Auf Armaturenbrett und Windschutzscheibe.
Dem Fahrer, der einen halben Meter nach vorn
Gerissen wurde, fällt von hinten
Seine nicht angeschnallte Frau ins Kreuz
Und drückt ihn mit dem Zwanzigfachen
Ihres Körpergewichts in seinen ausgespannten Gurt.
Sein Schulterblatt links und ein paar Rippen brechen.
In der 80 Millisekunde schießt ein Spielzeugauto
von der Hutablage und trifft
Mit der Wucht eines Vorschlaghammers
Den Kopf des vorn rechts
In einem Schalensitz angegurteten Babys.
In der 85. Millisekunde schnellt der Kopf
Des Fahrers wieder zurück
Und stößt mit dem nach vorn geschleuderten
Kopf seiner Frau unmittelbar zusammen.
Nach 100 Millisekunden ist alles vorbei.
Karin Kiwus
Es war eine Schnupftabakdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzt aus Nussbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nußbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös.
Und sagte, indem er zu bohren begann:
Was geht mich Friedrich der Große an?
Ringelnatz
Es hängt ihr Netz
An ungeschütztem Ort.
Wer sich verfängt,
Verwest am leichten Faden.
Wer sich befreit,
Zerstört den schönen Text.
Kein anderer
Hat ihn je verstanden.
P.H. Neumann
Nichts mehr,
Was dich treibt,
Nichts mehr,
Was dich hält.
Auf den Hügel hinauf
Und solange nach Innen singen,
Bis die Stimme
Dich aufhebt
Und mitnimmt.
Härtling
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